Arboreten, die eine Reise wert sind: Die schönsten Baumsammlungen der Welt
Ein Arboretum ist eine lebende Bibliothek aus Bäumen. Wie jede gute Bibliothek ist es nach Prinzipien geordnet, sorgfältig katalogisiert und so angelegt, dass Besucher in eigenem Tempo erkunden können. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen — arbor bedeutet Baum — und die Tradition der planmäßig angelegten Baumsammlungen reicht in Europa bis ins 17. Jahrhundert zurück, obwohl die Hochzeit der wissenschaftlichen Arboreten im viktorianischen Zeitalter lag, als Pflanzenjäger aus allen Teilen der Welt nach Europa zurückkehrten und das Interesse an Gehölzen fremder Kontinente explosionsartig wuchs.
Das Besondere an einem guten Arboretum ist die Verbindung von wissenschaftlicher Strenge und ästhetischem Erleben. Bäume werden über Jahrzehnte und Jahrhunderte beobachtet, ihre Phänologie dokumentiert, ihre Reaktion auf lokale Klimabedingungen festgehalten. Ein Baum, der 1850 gepflanzt wurde, hat den Ersten Weltkrieg, den Zweiten Weltkrieg und den Beginn des Klimawandels erlebt — und wenn man ihn sorgfältig betrachtet, trägt er Spuren all dieser Ereignisse in seiner Gestalt.
Arnold Arboretum, Boston (USA)
Das Arnold Arboretum der Harvard University in Jamaica Plain, Boston, ist eines der bedeutendsten Arboreten der Welt und zugleich das älteste in Nordamerika, gegründet 1872. Die Sammlung umfasst über 15.000 lebende Pflanzen in mehr als 4.000 Taxa auf einer Fläche von etwa 107 Hektar. Das Arboretum wurde ursprünglich von Frederick Law Olmsted entworfen, dem Schöpfer des Central Park in New York, und ist Teil des Emerald Necklace, eines Systems von Parkflächen, die sich durch Boston ziehen. Besonders hervorzuheben sind die Bonsai- und Penjing-Sammlungen sowie die außergewöhnliche Magnolienabteilung, die im Frühling zu einem der besucherstärksten Naturschauspiele Neuenglands wird.
Kew Gardens Arboretum, London (Großbritannien)
Der Baumbestand der Royal Botanic Gardens, Kew, ist streng genommen kein eigenständiges Arboretum, bildet aber eine der bedeutendsten Holzpflanzensammlungen Europas. Besonders bemerkenswert ist die Temperate House-Umgebung mit einer Sammlung temperierter Bäume, die bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückreicht. Das berühmte Exemplar der Wollemi Pine (Wollemia nobilis), einer bis 1994 nur fossil bekannten Baumart aus Australien, ist hier zu sehen. Kew bewahrt außerdem Samen- und Gewebeproben zahlreicher Baumarten im Millennium Seed Bank-Projekt, einem der wichtigsten botanischen Erhaltungsprojekte weltweit.
Westonbirt, The National Arboretum (Großbritannien)
Westonbirt in Gloucestershire wird von der Forestry England verwaltet und gilt als das nationale Arboretum Großbritanniens. Die Sammlung von über 15.000 Bäumen und Sträuchern auf 243 Hektar wurde 1829 von Robert Holford begonnen und enthält einige der ältesten und größten kultivierten Exemplare seltener Arten auf den Britischen Inseln. Im Herbst ist Westonbirt für sein außergewöhnliches Farbschauspiel bekannt — die Acersammlung, eine der reichhaltigsten in Europa, verwandelt den Alten Bestand in ein Spektrum aus Rot, Orange und Gold. Das Arboretum ist ganzjährig geöffnet und veranstaltet regelmäßig Lichtinstallationen, Konzerte und botanische Führungen.
Hillier Gardens und Arboretum, Hampshire (Großbritannien)
Die Sir Harold Hillier Gardens in Hampshire beherbergen eine der bedeutendsten Privatsammlungen, die je in öffentlichen Besitz übergegangen ist. Harold Hillier, der aus einer Dynastierfamiliengärtnereien stammte, trug ab den 1950er Jahren eine Sammlung von über 40.000 Pflanzen in 11.000 Taxa zusammen, die heute über 72 Hektar verteilt sind. Das Hillier-Arboretum ist besonders reich an Vertreterinnen der Gattungen Cornus, Acer und Quercus. Die Sammlung enthält viele Pflanzen, die nirgendwo sonst in Kultur zu finden sind, und die angeschlossene Baumschule Hillier Nurseries hat im 20. Jahrhundert die britische Gartenkultur stark geprägt.
Bergianska trädgården, Stockholm (Schweden)
Der Bergianische Garten, der zur Schwedischen Akademie der Wissenschaften gehört, ist Stockholms botanischer Hauptgarten und beherbergt eine bedeutende nordische Baumsammlung auf einer Halbinsel im Brunnsviken-See. Die Sammlung umfasst besonders vollständige Sortimente skandinavischer und nordostasiatischer Gehölze — eine geographische Affinität, die durch gemeinsame Florengeschichte begründet ist. Das historische Edvard Anderson Gewächshaus ist eines der ältesten erhaltenen viktorianischen Gewächshäuser Skandinaviens. Erkunden Sie die Karte und entdecken Sie weitere botanische Gärten in Skandinavien und Europa.
Westonbirt National Arboretum Australiens, Mount Lofty (Australien)
Der Mount Lofty Botanic Garden in den Adelaide Hills ist Südaustraliens Antwort auf das gemäßigte Arboretum. Da Australien botanisch von der nördlichen Hemisphäre getrennt entwickelt hat, ist eine Sammlung gemäßigter Baumarten hier besonders aufschlussreich — die Pflanzen wachsen unter mediterranen Bedingungen, die sich wesentlich von ihren europäischen oder nordamerikanischen Heimaten unterscheiden. Das Arboretum enthält historische Pflanzungen aus dem frühen 20. Jahrhundert sowie eine zunehmend bedeutende Sammlung australischer Gehölze, die unter gemäßigten Bedingungen kultiviert werden.
Nationaal Bomenpark Arboretum Kalmthout (Belgien)
Das Arboretum Kalmthout in der belgischen Provinz Antwerpen wurde im frühen 20. Jahrhundert von der Familie De Belder angelegt und gilt als eine der außergewöhnlichsten Privatsammlungen Europas. Die Sammlung ist besonders reich an Magnolien — das Arboretum besitzt mehr als 250 Magnolientaxa — sowie an Hamamelis, Cornus und Rhododendron. Im Winter, wenn die Hamamelis blühen, ist Kalmthout ein Pilgerziel für Gartenliebhaber aus ganz Europa. Das Arboretum umfasst etwa 12 Hektar und ist für seine Intensität der Sammlung auf relativ kleiner Fläche bekannt.
Nationaler Arboretum Washington D.C. (USA)
Das United States National Arboretum in Washington D.C. wird vom Landwirtschaftsministerium verwaltet und erfüllt eine Doppelrolle als öffentlicher Garten und landwirtschaftliche Forschungseinrichtung. Die Sammlung umfasst über 9.500 Pflanzen auf etwa 180 Hektar und ist besonders bekannt für die National Capitol Columns — 22 Sandsteinsäulen des US-Kapitols, die 1958 ausgebaut und 1990 auf einer Rasenfläche des Arboretums aufgestellt wurden. Die Bonsai-Galerie zeigt ein außergewöhnliches Exemplar eines japanischen Weißkiefern-Bonsais, der die Atombombe auf Hiroshima überlebt hat und 1976 den USA geschenkt wurde.
Wakehurst Place Arboretum, West Sussex (Großbritannien)
Wakehurst ist die Landzweigstelle der Royal Botanic Gardens Kew und beherbergt eine ausgedehnte Gehölzsammlung auf einem historischen Herrschaftsanwesen in den Sussex Weald. Die Baumsammlung konzentriert sich auf gemäßigte Regionen der südlichen Hemisphäre, was sie von vielen anderen britischen Arboreten unterscheidet. Besonders die Sammlung neuseeländischer und tasmanischer Gehölze ist hervorragend dokumentiert. Im Untergrund befindet sich die Millennium Seed Bank, die größte ex-situ-Samenbank der Welt, die Samenpräparate von mehr als 2,4 Milliarden Pflanzensamen aus über 240 Ländern bewahrt.
Die Rolle von Arboreten in der Gehölzerhaltung
Das Netzwerk der Arboreten weltweit hat im 20. Jahrhundert eine Rolle übernommen, die über Bildung und Erholung hinausgeht: die Erhaltung von Baumarten, die in ihren natürlichen Lebensräumen durch Abholzung, Krankheiten und Klimawandel bedroht sind. Die American Chestnut, einst einer der dominantesten Waldbäume Nordamerikas, wurde durch einen eingeschleppten Pilz praktisch ausgerottet — heute leben einige der reinrassigsten verbliebenen Exemplare in Arboreten. Ähnliches gilt für den Ulmus americanus und zahlreiche asiatische Eichenarten. Arboreten sind damit nicht nur Archive lebender Bäume, sondern aktive Akteure in der biologischen Erhaltung.